Was ist eigentlich Stagflation?

Noch nie von Stagflation gehört? Die meisten Experten wohl auch nicht. Wie kann es sonst sein, dass die eine Hälfte dieser Experten von Inflation, also Wertverlust unseres Geldes, die andere von Deflation, also Wertgewinn unseres Geldes, spricht?

Oftmals liegt die Wahrheit in der Mitte. Denn beide Lager habe gewichtige, nicht von der Hand zu weisende Argumente für das eine oder das andere Szenario. Für Inflation spricht vor allem, dass Notenbanken Geld drucken, und das nicht nur in den USA sondern zunehmend weltweit. Für Deflation sprechen vor allem die ungelösten Probleme rund um die Staatsverschuldung und das schwache, Not leidende Bankensystem. Die daraus erwachsenden Sparprogramme sowie fehlende Investitionen haben auf realer Basis, also  nach Inflation, eine stagnierende oder gar schrumpfende Wirtschaftsleistung zur Folge.

Während man bei einer Deflation vereinfacht gesprochen um seinen Job fürchten muss, gleichzeitig aber die Kaufkraft des noch vorhandenen Geldes zunimmt, verhält es sich bei einer Inflation (keine Hyperinflation) eher umgekehrt. Denn dann dürften Jobs zwar vorhanden sein, das verfügbare Geld verliert aber zunehmend an Kaufkraft. Eine Stagflation vereint beide Übel: Keine Jobs und kein Geld bzw. sinkende Kaufkraft des Geldes.

Wirtschaftslexika beschreiben die Stagflation als einen Zustand, bei dem zwar die Wirtschaftsleistung nicht wächst, dagegen das Preisniveau zunimmt. Diese Stagnation inkl. teils rezessiver Tendenzen ist mit vergleichsweise hohen Arbeitslosenraten verbunden. Das Phänomen der Stagflation trat bspw. in den 1970er Jahren im Zuge des Ölpreisschocks auf. Aus heutiger Sicht vielleicht auch aufgrund der Aufhebung des Goldstandards im Jahre 1971 durch Präsident Richard Nixon. So war 1974 in den USA gegenüber dem Jahr 1973 beinahe eine Verdopplung der Inflationsrate von 6% auf 11% zu beobachten. Die Arbeitslosenrate stieg 1975 auf 8,4%, was gegenüber 1973 (4,9%) ebenfalls nahezu eine Verdopplung darstellte.

In der Presse kursierte das Gespenst der Stagflation zuletzt im Jahr 2008. So hatte in Deutschland u.a. der dramatische Ölpreisanstieg Inflationsraten von teils 4% auf Monatsbasis zur Folge. Gleichzeitig rutschte Deutschland im Verlaufe von 2008 in die Rezession (= sinkende Wirtschaftsleistung). Die Befürchtungen rund um die Stagflation bewahrheiteten sich jedoch nicht. Die rezessiven Effekte, die weltweit zu beobachten waren, hatten eine sinkende Nachfrage nach Öl und schließlich einen massiven Preisverfall dieses Rohstoffs zur Folge. Dies wiederum hatte einen deutlich Inflation dämpfenden Effekt. Es kam also zu einer Stagnation bzw. Rezession ohne den befürchteten stärkeren Preisauftrieb.

Das Jahr 2008, dessen Höhepunkt ohne Zweifel der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers markierte und dem DAX ein Minus von rund 40% bescheerte, scheint weit weg. Die Reaktion der Politik und der Notenbanken folgte auf den Fuß. Neben groß angelegten Konjunkturprogrammen (vgl. Abwrackprämie in Deutschland) kam es zu massiven Zinssenkungen und im Falle der Amerikanischen Notenbank (FED) zum Anwerfen der Notenpresse bzw. Gelddrucken. In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf die sog. Österreichische Schule, die von den Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek (Wirtschaftsnobelpreis für die monetäre Überinvestitionstheorie im Jahre 1974) begründet wurde. Diese Ökonomen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen vermehrtem Geldangebot (vgl. niedrige Zinsen, Drucken von Geld) und sinkender Produktion (vgl. Stagnation bzw. Rezession). Sie monieren die Schaden verursachende Wirkung einer wachsenden Geldmenge, weil dadurch Produktionsentschei-dungen und Güterpreise verzerrt werden. Das Geld aus dem Nichts (auch Fiat Money oder Helikoptergeld genannt) führt lediglich zu einer Umverteilung von Produzenten hin zu Wirtschaftssubjekten, die direkt von den Notenbanken begünstigt werden. Gemünzt auf die heutige Situation würden bspw. US-Investmentbanken neues gedrucktes Geld als erste erhalten und diese bspw. in Rohstoffe investieren. Die Preise und damit die Vermögen dieser Banken steigen, wogegen Produzenten unter der Last der Rohstoffpreise Einbußen verzeichnen und die Produktion einschränken.

Dass der Theorie dieser Ökonomen bislang Recht zu geben ist, zeigt sich an zwei Beispielen sehr deutlich. Sowohl die USA als auch Großbritannien haben im Zuge der Krise 2008 massive Konjunkturprogramme aufgelegt. Zudem sind die jeweiligen Notenbanken dem Bankensektor und der desolaten Finanzlage des jeweiligen Staatshaushalts mit massiven Geldspritzen bzw. Gelddrucken zur Hilfe geeilt. Doch statt des erhofften Wirtschafts-aufschwungs ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. So wurden in den USA im August 2011 keine neuen Arbeitsstellen geschaffen, so dass die Angst vor dem Abgleiten in die Rezession stetig zunimmt. Auch das Wirtschaftswachstum in Großbritannien liegt deutlich unter 1% (noch vor Inflation). Gleichzeitig steigen in beiden Ländern die Preise (Inflation Juli 2011: USA ca. 3,6%, GB ca. 4,4%). Die gesteckten Ziele wurden demnach nicht nur verfehlt, sondern neue Gefahren produziert.

Auch an anderer Stelle verfestigen sich die Anzeichen einer Stagflation. Während die Aktienmärkte in den letzten 6 Wochen 20-35% nachgaben (vgl. Erwartung sinkender Produktion und Gewinne), blieben die Rohstoffpreise bspw. für Öl und Kupfer erstaunlich stabil auf hohem Niveau. Dies steht im Gegensatz zu 2008 als auch die Rohstoffpreise fielen. Während die Aktienmärkte teils 2-Jahres-Tiefs markieren, marschieren Edelmetalle und hier insbesondere Gold zu neuen Höchstständen. So scheinen die 2.000 USD pro Unze Gold nicht mehr weit entfernt zu sein. Auch dies steht im Widerspruch zu den Erfahrungen von 2008. Identisch ist allerdings das Phänomen, dass fallende Aktienmärkte die Stimmung und damit das Konsumverhalten der Bürger negativ beeinflussen, was wiederum die Gewinne der Unternehmen und damit die Aktienkurse negativ tangiert. Eine rezessive Abwärtsspirale setzt sich in Gang.

Nun heißt es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern das Beste aus der Situation zu machen. Im Umfeld einer Stagflation leiden sowohl Geldwerte wie Tagesgeld und Anleihen als auch Sachwerte wie Aktien. In den 70er Jahren haben insbesondere Rohstoffe sowie Gold und Silber zu den Gewinnern gehört, daneben auch Immobilien. Die durchschnittliche jährliche Rendite nach Inflation lag bei Aktien zwischen 1973 und 1981 bei rund -1%. Unternehmens- und Staatsanleihen verloren auf realer Bases im Durschnitt gar 6% pro Jahr. Demnach sollte bereits offenkundig sein, dass man sich mit „herkömmlichen“ Anleihen nicht gegen die Inflation stemmen kann. So rentieren deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren unter 2% p.a. Bei einer Inflationsrate von jetzt bereits rund 2,5% ist ein realer Kaufkraftverlust vorprogrammiert. Auf die Frage nach der richtigen Anlagestrategie muss auch hier eine vermeintlich langweilige Antwort herhalten: Streuen, streuen, streuen!!!

Dass die Politik des Gelddruckens fehlgeschlagen ist, die wahren Probleme nur übertüncht hat und gleichzeitig im Begriff ist, unsere gesamtes Finanzsystem ins Chaos zu stürzen (mögliche Folge: Stagflation), zeigt folgender sehr sehenswerter Beitrag aus Amerika vom Mai 2010 (auf Englisch).

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2 Kommentare zu Was ist eigentlich Stagflation?

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