Die Zukunft des Euro – Namhafte Podiumsdiskussion

Von einer meiner ehemaligen Studiumkommilitoninen bekam ich die Einladung zur Podiumsdiskussion im Audimax der Universität Würzburg zum Thema „Die Zukunft des Euro“. Diese Diskussion war zu Ehren von Prof. Dr. Norbert Berthold, der im September seinen 60. Geburtstag feiern durfte. Ich selbst habe im Verlauf meines Studiums der Volkswirtschaftslehre die eine oder andere Vorlesung und Klausur bei Prof. Berthold absolviert und fand es einfach spannend, nach rund 7 Jahren wieder an meiner alten Ausbildungsstätte zu sein.

Doch auch der Titel versprach für Spannung zu sorgen, denn nichts ist spannender als die Zukunft unseres Geldes. Nicht zuletzt, weil der Einladung das Who ist Who der Volkswirtschaft gefolgt ist. Zu nennen zum einen ist der Jubilar, Prof. Berthold, der seine Zuhörer nie ohne eine Message entlässt, der gerne am Tischende sitzt und diese Exit-Option auch bei seinem nicht winterbereiften Auto nutzt, indem er einfach zu Hause bleibt, der gerne Unternehmen als Trüffelschweine der Marktwirtschaft bezeichnet und von anderen durchaus als „Alternativhecht im Euro-Karpfenteich“ bezeichnet wird, denn der Euro ist eben nicht alternativlos. Dass Prof. Berthold durchaus etwas zu sagen hat, lässt sich sicherlich auch am Blog „Wirtschaftliche Freiheit“ ablesen, den er maßgebend initiiert hat.

Einer der Wächter des Euro und über die Grenzen Deutschlands gut bekannt ist Prof. Dr. Otmar Issing. Dieser lehrte einst Geldpolitik an der Uni Würzburg, sass im Sachverständigenrat und bekleidete sowohl bei der Deutschen Bundesbank als auch später bei der EZB die Position des Chefvolkswirtes.

Einer zunehmend breiten Öffentlichkeit dürfte sicherlich Prof. Dr. Hans-Werner Sinn bekannt sein. Er lehrt Volkswirtschaft in München, ist Chef des vielbeachteten Ifo-Institutes und hat sich als Publizist zahlreicher Bücher einen Namen gemacht. Denn kaum jemand versteht es besser, selbst komplizierte wirtschaftliche Inhalte auf anschauliche  und verständliche Weise näher zu bringen.

Die Runde komplettiert Prof. Dr. Lars Feld, der Freiburger Studenten die Volkswirtschaft vermittelt und seit 2011 Mitglied im Sachverständigenrat ist, also zu einem der fünf Wirtschaftsweisen gehört.

Die Moderation der Diskussionsrunde übernahm Dr. Rainer Hank, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dr. Hank stellte Fragen und bat die jeweiligen Experten um eine Stellungnahme, natürlich fing er mit dem Jubilar Prof. Berthold an, der im Blog erst kürzlich Sätze schrieb wie „Der Euro ist nur zu retten, wenn Deutschland austritt“ oder „Eine geordnete monetäre Desintegration wäre die bessere Lösung“. Achtung: Die folgenden Aussagen sind sinngemäß wiedergegeben.

Was spricht für den Austritt starker Länder aus dem Euroraum bzw. wie ist die Meinung zum Austritt im Allgemeinen?

Norbert Berthold: Ich war nie Befürworter des Euro. Sollte es nicht möglich sein, die Wettbewerbsfähigkeit der angeschlagenen Länder zu verbessern, so wie bspw. in Irland erreicht, sollte also der eingeschlagene Lösungskanal unwirksam sein, dann sollten durchaus radikalere Lösungen möglich sein. Der Austritt eines schwachen Landes würde zu hohe Folgen mit sich bringen, dagegen sollten starke Länder, die Leistungsüberschüsse aufweisen wie Deutschland, Österreich, Finnland oder Niederlande, austreten können. Die Angst vor einer folgenden Aufwertung der neuen Währung ist unbegründet. Denn selbst wenn ein starkes Land im Euroraum verbliebe, würde es über kurz oder lang zu einer realen, durch steigende Inflation bedingten Aufwertung kommen.

Otmar Issing: Es wäre pervers, wenn Deutschland als Bestperformer ausscheiden würde. Es wäre gut, den Austritt anzudrohen und damit eine Disziplinierung zu erzwingen. Denn das Fass ohne Boden muss ein Ende haben. Zu bedenken ist, dass ein Ausstieg Deutschlands die größte europäische Konfrontation seit dem Zweiten Weltkrieg darstellen würde.

Lars Feld: Um eine Disziplinierung bzw. Konsolidierung der betroffenen Staaten zu erreichen, ist Geduld bzw. ein langer Atem notwendig. Die Verletzung der No-bail-out-Klausel ist aufgrund des strauchelnden Bankensektors notwendig geworden. Früher hat Deutschland Aufwertungsdruck durch Innovation gut kompensieren können, doch genauso wie die Schweiz eine abrupte Aufwertung des Schweizer Frankens nicht verkraftet hat, so würde auch Deutschland die abrupte Aufwertung durch einen Austritt aus der Eurozone nicht kompensieren können. Den bisherigen Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen steht eine Reduktion der Zinslast (vgl. gesunkene Zinsen) i.H.v. 20 Milliarden Euro gegenüber.

Hans-Werner Sinn: Dass eine Aufwertung gefährlich sei, ist ein Märchen. Aktuell verschleudern wir unsere Leistung viel zu billig und bauen über die Target-2-Salden nur Forderungen gegenüber dem Ausland auf. Das Netto-Auslandsvermögen der Deutschen liegt bei einer Billion Euro, dieses können wir abschreiben. Ich bin nicht für einen Austritt Deutschlands. Einige Länder in der Eurozone funktionieren. Nur weil die Bremsen nicht funktionieren, soll nicht das ganze Auto auf den Schrottplatz. Aktuell fahren wir den Berg runter komplett ohne Bremse.

Ist ein Austritt schwacher Länder zu befürworten?

Hans-Werner Sinn: Länder, die nicht zurecht kommen, sollen austreten dürfen. Griechenland ist um 64% teurer als die Türkei, mit bloßem Willen lässt sich nichts bewegen. Vielmehr ist die europäische Integration in Gefahr, bedenkt man die vielen Hakenkreuzfahnen beim Besuch von Merkel in Griechenland. Nach einem Austritt soll ein Wiedereintritt nach vollzogenen Reformen möglich sein. Dies wäre der benötigte Anreiz, um diese Reformen konsequent zu bestreiten. Nach einer Abwertung der Währung (vgl. Folge für die neue griechische Währung bei einem Austritt) fangen Länder nach halb bis eineinhalb Jahren an, wieder zu wachsen. Es wäre wie ein temporärer Krankenhaus-aufenthalt. Aktuell handelt es sich schlicht um einen Vermögenspoker im Interesse der Anleger. Dass eine junge Generation in Griechenland im Begriff ist, verloren zu gehen, scheint nicht zu interessieren. Lassen wir Griechenland am Tropf, findet keine Disziplinierung gegenüber Ländern wie Portugal, Spanien und Italien statt. Mit der Aussage von Merkel „Fällt der Euro, fällt Europa“ macht sich Deutschland erpressbar, solche Aussagen sind politisch unklug.

Otmar Issing: Wenn Griechenland einen Rabatt nach dem anderen bekommt, warum soll ich mich anstrengen?

Hans-Werner Sinn: Jedes Land kann wettbewerbsfähig sein, wenn es ausreichend billig ist. Reformen wären dann gar nicht nötig.

Lars Feld: Keiner kann sagen, wie explosiv das Gemisch bei einem Austritt sein würde. Es gäbe die Gefahr eines Bürgerkriegs in Griechenland.

Hans-Werner Sinn: Kein einziges Land außer Irland ist beim alten Exportniveau angekommen. Irland hat sich selbst geholfen, indem es ganz von allein Löhne zweistellig gesenkt hatte. Denn Rettungsschirme gab es ja keine. In anderen Ländern wurde einfach die Druckerpresse angeworfen.

Norbert Berthold: Warum sind Menschen nicht bereit, auf Löhne zu verzichten (vgl. Lohnkürzungen wie in Irland), aber eher bereit reale, also inflationsbedingte Lohnkürzungen hinzunehmen?

Was ist von der Politik der EZB bzw. Mario Draghi zu halten?

Otmar Issing: Ich hatte mir geschworen, nach meinem Ausscheiden nicht kritisch über die Geldpolitik der EZB zu sprechen. Über die aktuelle Geldpolitik brauche ich mich nicht zu äußern, da diese eigentlich gar keine ist. Die EZB ist eine Verpflichtung eingegangen, die ihrer Unabhängigkeit widerspricht.

Hans-Werner Sinn: Die EZB macht nur etwas, was folgerichtig ist. Es gibt fünf Stufen einer Pfadabhängigkeit. In der ersten Stufe steht die Ausstattung der EZB mit unbegrenzter Feuerkraft. In der zweiten Stufe, als das private Kapital floh, stieg die EZB ein und übernahm. Um die Druckerpresse nicht so stark laufen zu lassen, sollte in der dritten Stufe die Bundesbank Anleihen aufkaufen. Doch dies wollte Deutschland nicht zulassen. Stattdessen sollte in der vierten Stufe der ESM (Europäische Stabilitätsmechanismus) dies übernehmen. Mit den Eurobonds in der fünften Stufe käme es dann zur Fundamental-abhängigkeit. Warum sollen wir die Märkte beruhigen? Warum soll der Markt überhaupt beruhigt sein? Die Steuerzahler sollten jetzt beunruhigt sein.

Lars Feld: Es ist gut, dass die EZB angekündigt hat, Anleihen aufzukaufen. Mario Draghi hat damit Verantwortung übernommen, da keiner sonst Verantwortung übernehmen wollte. Mit Verbindung zum ESM begibt sich die EZB in die Hände der Fiskalpolitik.

Otmar Issing: Das Argument, dass eine Notenbank ihre Währung rettet, indem sie druckt, ist ökonomisch falsch!

Hans-Werner Sinn: Nach dem Krieg gab es 180 Staatsbankrotte, es ist kein seltenes Ereignis. Einen Konkurs kann man sich nicht vorstellen durch entsprechende Schutzversprechen. Die EZB erfindet immer neue Worthülsen, um ihre Politik zu rechtfertigen. Die EZB unterbietet den Kapitalmarkt und vertreibt damit das private Kapital aus Südeuropa. Die EZB ist damit Konkurrent der Sparer, darum haben auch Lebensversicherer Probleme. Es ist so, als würde ein Mercedes in Griechenland zu einem festgelegt tiefen Preis verkauft. Damit wird das Lebenselixir der Marktwirtschaft untergraben.

Leider blieb zu wenig Zeit für die Fragen der Zuhörer im Saal und auch ich musste meinen Zug erwischen. Doch zwei der Fragen habe ich mir noch notiert…

So meldeten sich zwei Würzburger BWL Professoren zu Wort. Prof. Wenger meinte, dass in Frankreich eine Euro-Zeitbombe ticke. Können wir überhaupt irgendetwas steuern? Finnland könnte als erstes austreten. Wenn auch die Niederlande austreten würden, wo bliebe dann Deutschland? Prof. Koll sei verwundert, dass alle in der Runde das Europrojekt relativ positiv sehen. Was müsse noch passieren, damit die Erkenntnis reift, dass der Euro ein Fehler war?

Zu gern hätte ich die Antwort abgewartet…

 

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Ein Kommentar zu Die Zukunft des Euro – Namhafte Podiumsdiskussion

  1. Thomas Trautwein sagt:

    Die Antwort hätte mich auch interessiert.
    Ich bin der Meinung, der Euro wird nur aus politischer Unvernuft am Leben gehalten.
    Je länger man wartet, um so größer wird irgendwann der Scherbenhaufen sein.

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