Japan – von Deflation über Inflation zur Depression

Ausgehend vom Platzen einer Immobilienblase steckt Japan seit nunmehr 20 Jahren in einem deflationären Teufelskreis. Das Jahr für Jahr sinkende Preisniveau hat zu erheblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen geführt: Von seinem Höchststand Ende 1989 von rund 39.000 Punkten verlor der japanische Aktienindex Nikkei bis Ende 2012 rund 29.000 Punkte bzw. rund 75%. Die Arbeitslosigkeit stieg von rund 2% auf 4,5%. Für japanische Verhältnisse ein katastrophaler Wert. Gleichzeitig kletterte die Staatsverschuldung von ca. 50% auf rund 240% der Wirtschaftsleistung. Bereits jetzt muss Japan die Hälfte seines Haushaltes über neue Schulden finanzieren.

Kein Wunder, dass Japans kürzlich gewählter Ministerpräsident Shinzo Abe Ende Dezember 2012 verkündete, die japanische Zentralbank „Bank of Japan“ in den „Dienst“ des Staates zu nehmen und zum fast unbegrenzten Gelddrucken zu zwingen. Mit dieser Massnahme soll der Deflation ein Ende gesetzt und ein Inflationsziel von 2% erreicht werden.

Die Börse klatschte Beifall. Von der Ankündigung bis heute, also innerhalb von ca. drei Monaten, gewann der Nikkei rund 23%. Verständlich, dass Politiker , aber auch Ökonomen ob des „Erfolges“ von den sog. „Abenomics“ sprechen.

Zeigt uns Japan damit den Weg raus aus der Krise oder drohen die Abenomics zum Mahnmal für künftige Generationen werden? Eine volkswirtschaftliche Theorie besagt, dass Inflation ein monetäres Phänomen ist. Je mehr Geld gedruckt wird, desto höher die Inflation bzw. desto geringer die Kaufkraft des Geldes. Wenn also der Nikkei innerhalb von drei Monaten um 23% steigt, lässt sich von massiver Vermögenspreisinflation sprechen. Selbst wenn diese Art von Inflation keinen erhöhenden Einfluss auf Konsumentenpreise haben sollte, gibt es durchaus einen „wirkungsvolleren“ Mechanismus. Denn neben der Aktienrally war eine deutliche Schwäche des Yen gegenüber US-Dollar und Euro zu beobachten. Allein zum Euro verlor der Yen, ungeachtet der Querelen rund um Italien und Zypern, in den letzten drei Monaten rund 11%. Zwar stützt der schwächere Yen die japanischen Exporte. Produkte werden wie durch ein Wunder, also ohne Zutun japanischer Unternehmen, am Weltmarkt nun billiger. Doch wird unterschätzt, dass eine schwächere Währung zugleich auch die Importkosten heraufschnellen lässt.

Sowohl Unternehmen als auch Privathaushalte müssen bspw. für  Öl, Gas und Nahrungsmittel tiefer in die Tasche greifen. Über den Kanal dieser sog. importierten Inflation findet das Gelddrucken den Weg auch in die Realwirtschaft. So mag es nicht verwundern, dass im Januar 2013 die japanischen Exporte zwar um 6,4% zum Vorjahr zunahmen, die Handelsbilanz aber, also die Differenz zwischen Exporten und Importen negativ war und einen neuen Rekordwert annahm. Experten hatten mit einem Anstieg der Importe um 2,1% gerechnet, tatsächlich aber stiegen diese „begünstigt“ durch den schwachen Yen um 7,3%.

Die Bevölkerung, selbst wenn diese in Sachen Wirtschaft gern als unmündig dargestellt wird, spürt bzw. antizipiert die Veränderung. So stieg in Erwartung künftiger steigender Preise bspw. der Absatz von Luxusgütern. Nervös werden zunehmend auch die Gläubiger japanischer Staatsanleihen. Japan hat das weltweit niedrigste Zinsniveau, doch solange die Deflation das Land umklammert ist selbst eine Rendite von 1% ein gutes Geschäft…zumindest aus Sicht der inländischen Anleger. Denn Japans Staatsschulden werden zu 90% von Japanern selbst oder inländischen Grossinvestoren wie Pensionsfonds gehalten. Im Zuge der Abenomics erwarten nun die Gläubiger eine Inflation von rund 2%. Bei einem Zins von 1% würde die Rendite real, also nach Inflation, negativ. Folge: Die Gläubiger werden anfangen, ihre Anleihen zu verkaufen. Der Kurs der Anleihen wird fallen, deren Rendite steigen. Unlängst hat der grösste japanische Pensionsfonds, aus dem die staatlichen Beschäftigten ihre Altersvorsorge beziehen, angekündigt, über eine Reduktion japanischer Staatsanleihen nachdenken zu wollen. Die japanische Bevölkerung wiederum, die selbst immer älter wird und damit zunehmend auf ihre Ersparnisse zurückgreifen muss, verkauft ebenfalls im steigenden Masse ihre japanischen Anleihen. An dieser Stelle wird am Beispiel Japans deutlich: Es ist nicht der Staat, der pleite geht, es sind seine Bürger!

Befürworter der Abenomics würden sagen, dass die Notenbank die auf den Markt geworfenen Anleihen aufkaufen könnte. Richtig, doch damit schrauben sich auch die Inflationserwartungen nach oben. Abermaliger Verkaufsdruck entsteht. Ein Mechanismus, der sich schnell verselbständigen kann. Inflationserwartungen von 5% und mehr könnten auch aus dem immer schwächer werdenden Yen und importierter Inflation resultieren. Ein Inflations-Teufelskreis wie zuvor bei Deflation würde Japan fest umklammern.

Mit den Abenomics spielt Japan mit dem Feuer bzw. mit dem Vertrauen und Vermögen seiner Bürger. Denn sind das Vertrauen und/oder Vermögen erst geschmolzen, droht eines der schlimmsten Szenarien, das u.a. zum Zweiten Weltkrieg geführt hat: Eine ausgeprägte Deflation, die sog. Depression!

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Ein Kommentar zu Japan – von Deflation über Inflation zur Depression

  1. Martin Hark sagt:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

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