Ein turbulenter Beginn – stehen wir vor einer neuen Krise und Börsencrash? Wenn ja, was tun?

Gefühlt hätte das Jahr 2016 kaum schlechter beginnen können. Der DAX verlor zwischenzeitlich bis zu rund 20% seines Wertes. Der Januar wird als einer der schlechtesten in die Börsengeschichte eingehen. Gründe lassen sich wie Sand am Meer finden: Lahmendes Wirtschaftswachstum in China, USA, Europa, Kurseinbrüche in China, heftige Rückgänge beim Ölpreis, Rohstoffindizes auf den Ständen von 2004, Kreditausfälle bei Ölförderfirmen, überbordende Staatsverschuldung, Bankenschwäche, Flüchtlingskrise, geopolitische Spannungen im Nahen Osten und, und, und…

Verständlich, dass Emotionen derzeit die Oberhand gewinnen. Manche lassen sich sogar zu der Aussage hinreißen, es sei alles anders als in 2015. So mancher dürfte panikartig Aktien verkauft haben oder seinen Vermögensverwalter dazu gedrängt, getreu dem Motto, es ist/war doch alles abzusehen… Doch hat sich wirklich etwas Grundlegendes geändert? Sind die oben aufgezählten Faktoren nicht allesamt bekannt gewesen oder zumindest am Horizont zu erahnen? Meine Meinung: Kaum etwas Grundlegendes hat sich geändert: Die Notenbanken fluten weiterhin den Markt mit Geld, die Zinsen sind rekordtief und werden tief gehalten. Der Ölpreis verharrt auf tiefem Niveau und liegt im künstlich hohen Angebot begründet. Die Nachfrage nach Öl hat sich in 2015 nicht etwa abgeschwächt sondern leicht erhöht, trotzdem hat das Öl 70% seit 2014 verloren. Noch nie wurde eine Krise durch zu niedrige Ölpreise ausgelöst, immer durch zu hohe. Die Staatsverschuldung steigt unaufhörlich, wohingegen die Verschuldung der Unternehmen und Privathaushalte sinkt. Kriegerische Auseinandersetzungen sind in den letzten 20 Jahren gefühlt an der Tagesordnung. Alles Punkte, die für sich genommen schlecht sind und Böses am Horizont erahnen lassen. Zumal sich die Geschwindigkeit der Ereignisse und Schwankungen an der Börse drastisch erhöht haben. Ja, der Markt wird von vielen Seiten manipuliert, allen voran durch die Notenbanken. Ja, die Politiker diesseits und jenseits des Atlantiks wirken unfähig. Ja, den Menschen wird nicht die Wahrheit gesagt. Ja, unsere Freiheit gerät zunehmend unter Beschuss. Und ja, es wäre verständlich, wenn Sie jetzt sagen, mir reicht es, ich steige aus und parke mein Geld bei der Bank. Doch wäre das der richtige Schritt?

Ich habe gelernt Pro und Contra abzuwägen und lösungsorientiert zu arbeiten. Stellen Sie sich vor, Sie hätten zu Jahresende 2015 alles verkauft, aus heutiger Sicht alles richtig gemacht. Das Geld würden Sie bei der Bank parken. Sie lehnen sich zurück und beobachten, wie die Wirtschaftskrise ihren Lauf nimmt. Gewinne der Unternehmen brechen ein, Arbeitslosigkeit steigt, Steuereinnahmen brechen weg, Sozialausgaben nehmen zu. Was glauben Sie, was nun passiert  und zwar in Zeiten hoher Staatsverschuldung und klammer Banken. Sie ahnen es vielleicht, es käme zu vermehrten Staats- und Bankinsolvenzen. Seit dem 01.01.2015 gilt in Deutschland das sog. Sanierungs- und Abwicklungsgesetz, ein Paragraphenmonster. Abkürzend kann man von der sog. „Bail-In-Klausel“ sprechen. Nicht mehr der Staat bzw. Steuerzahler soll für die Bankschulden haften, sondern die Aktionäre, die Anleihebesitzer sowie die Einleger, die mit ihren Tages- und Festgeldguthaben Forderungen gegen ihre Banken eingegangen sind. Richtig, 100.000 Euro blieben verschont, nur was darüber hinaus ginge, wäre unter Umständen komplett weg. Doch werden unsere ebenfalls klammen Sicherungssysteme zumindest die 100.000 Euro sichern können? Zumal die europäische Einlagensicherung beschlossene Sache ist.  In den letzten Wochen wurde die Diskussion um die Abschaffung des Bargeldes wieder angeheizt. Warum wohl? Ohne Bargeld können Sie nicht weg, sind ausgeliefert. Die Spatzen pfeifen es nicht nur von den Dächern sondern von überall her. Langer Rede kurzer Sinn: Mit dem Verkauf und Bankdeponierung hätten Sie alles richtig gemacht, doch am Ende, wenn die Bank ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, unter Umständen alles falsch.

Was bleibt ist die langweilige Erkenntnis, dass die breite Streuung das A&O ist. Wertpapiere stellen Sondervermögen dar, werden im Falle der Bankinsolvenz aus der Konkursmasse herausgelöst. Anleihen, breit gestreut, sind bessere Zahlungsversprechen als Bankguthaben. Aktien sind Sachwerte, schwanken zwar extrem, Unternehmen wird es immer geben, stiften sie doch Lohn & Brot und stellen von allen gebrauchte Dinge her. Edelmetalle wie Gold und Silber sind der Inbegriff der Freiheit und haben historisch sämtliche Krisen überdauert. Immobilien, insbesondere wenn sie der Eigennutzung und Lebensqualität dienen, auf absehbare Zeit schuldenfrei sind und aus Flexibilitätsgründen ins Lebenskonzept passen, sind ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge.

Ob wir zum heutigen Zeitpunkt wirklich vor einem nachhaltigen Börsencrash stehen oder nicht lässt sich schwer sagen. Historisch können drei Faktoren identifiziert werden, die einen Börsenabsturz begründen könnten:

  • Externe Schocks wie die Lehman Pleite 2008
  • Sehr hohe Bewertungen der Unternehmen
  • Hohe Opportunitätskosten der Wertpapieranlage

Externe Schocks von der Tragweite der Lehman Pleite sind derzeit nicht vorhanden.           Die Bewertungen der Unternehmen in Form der Kurs-Gewinn-Verhältnisse bspw. gemessen am Europäischen Aktienindex EuroStoxx 50 liegen unter 12 und damit leicht unter dem historischen Durchschnitt.                                                                                               Noch nie waren die Opportunitätskosten so tief wie jetzt. Während in den Jahren 2000 oder 2007, bisherige Wendepunkte in den letzten 15 Jahren am Aktienmarkt, rund 5% p.a. mit sicheren zehnjährigen Staatsanleihen verdient werden konnte und auch die Tagesgeldverzinsung attraktiv schien, müssen sich Anleger mit ca. 0,2% bspw. bei der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe begnügen. Wer 2000 und 2007 aus dem Aktienmarkt ausstieg, konnte dies guten Gewissens tun und tat es auch. Und heute? Wer heute aussteigt geht erhöhte Risiken ein. Wird es die Bank morgen noch geben und wie sicher sind die Anleihen zunehmend klammer Staaten? Der Minizins entschädigt diese Risiken nicht. Früher waren Anleihen risikolose Zinsen, heute unter Umständen zinslose Risiken.

Wenn Sie den Aussagen dieses Artikels folgend im Markt drin bleiben wollen, kann ich Ihnen einen Tipp auf den Weg geben, der aus der Verhaltsökonomie stammt. Psychologen und Forscher haben hinterfragt, wann denn die Zeit reif ist, um an der Börse am ehesten zu Kaufen oder zu Verkaufen. Immer dann wenn die Bewertungen der Unternehmen sehr hoch und die Stimmung der Marktteilnehmer euphorisch ist, dann ist Zeit zum Verkaufen. Kaufen sollte man immer nur dann, wenn die Stimmung am Boden scheint und die Bewertungen niedrig sind. In allen anderen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, das Falsche zu tun. Dann nämlich ist es besser, einfach spazieren zu gehen. Da die Bewertungen derzeit weder hoch noch niedrig sind und auch die Stimmung weder euphorisch noch extrem negativ ist, sollten Sie spazieren gehen statt hektisch zu werden. Das Jahr 2016 hat gerade erst begonnen…

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Ein Kommentar zu Ein turbulenter Beginn – stehen wir vor einer neuen Krise und Börsencrash? Wenn ja, was tun?

  1. Thomas Trautwein sagt:

    Interessanter Artikel.
    Dann frage mich aber warum das VZ gekauft hat als die Stimmung euphorisch und der DAX erstmalig ( aber nur für drei Tage ) auf 12.000 Punkten stand.

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