Zündfunke Zins

Geht es Ihnen auch so?! Man hat sich an tiefe Zinsen irgendwie gewöhnt, frei nach dem Motto „was ich nicht ändern kann, soll mich nicht (mehr) ägern“. So oder so ähnlich dürfte es nicht nur Vermögenden, sondern auch Schuldnern gehen. Auch diese scheinen sich an tiefe Schuldzinsen gewöhnt zu haben. Wie sonst ließe sich die rekordhohe Verschuldung der Weltbevölkerung erklären. Das Niveau ist dermaßen hoch, dass Immobilienkredite in ihrer Gefährlichkeit im gleichen Zug mit Studenten- und Autokrediten in den USA genannt werden. Auch die Staatsverschuldung gemessen an der jeweiligen Wirtschaftsleistung hat teils schwindelerregende Höhen erreicht. Nicht zu vergessen sind Unternehmen, das Rückgrat der Wirtschaft, die sich zweifelhafte Investitionen, gegenseitige Übernahmen und Aktienrückkäufe an den Rand der finanziellen Belastbarkeit gebracht haben. Und wissen Sie was? Es funktioniert, noch! Sie ahnen bereits wieso?! Der tiefe Zins! Er trägt geradeso und bewahrt das Kartenhaus vor dem schmerzlichen Fall.

Während in den 1980er Jahren, nach überstandener Stagflation der 70er Jahre, ein Zinsniveau von 15% und mehr von Schuldnern getragen werden konnte, hatten die Schulden zu Beginn der 2000er Jahre ein Niveau erreicht, welches einen Zins von nur noch 7-8% zuließ. Die Finanzkrise 2008 offenbarte, dass die Zins-Belastungsgrenze auf ein Niveau von nur noch 4-5% gefallen war. Und heute? Spekulationen deuten darauf hin, dass viele Industrienationen bereits bei einem Zins von 2-3% kippen könnten. Diesen Umstand vor Augen gilt unter vielen Experten der Tenor, wonach der Zins noch viele Jahre tief bleibe bzw. tief bleiben müsse. So weit so gut.

Aufhorchen musste ich, als ich Mitte November eine Aussage von Goldman Sachs, einer der umstrittensten Banken und Kaderschmiede von Leuten wie Mario Draghi, las. Laut Goldman Sachs unterschätzen viele Marktteilnehmer das Tempo des bevorstehenden Zinsanstiegs. Für den US-Leitzins rechnet Goldman Sachs mit Werten von 3,25 bis 3,5% bis Jahresende 2019. Marktteilnehmer sahen den Zins zum damaligen Zeitpunkt bei weniger als 2%, eine enorme Diskrepanz von rund 75%. Erinnern Sie sich noch, dass das System dieses Mal bereits bei 2,5-3% kippen könnte?

Ende November 2017 der nächste Paukenschlag. „Notenbanken warnen vor dem Schock“, war zu lesen. Bundesbank und EZB schätzen die Märkte verwundbarer als allgemein angenommen. Es gebe ein zu großes Vertrauen, dass Zinsen und Inflation niedrig bleiben. Soll doch einer sagen, es hätte keine Warnungen gegeben, zumal von Stellen, die den Zins selbst steuern.

Für mich stellt sich folgende Frage: Wenn die Notenbanken wissen, dass ein höheres Zinsniveau zu Turbulenzen führen wird, warum schwenken diese zunehmend auf höhere Zinsen um? Beispiel Amerikanische Notenbank FED. Hier scheinen die Zinsen auf „Teufel komm raus“ angehoben zu werden. Wird hier bewusst ein Crash provoziert? Für mich einer der Gründe, warum der US-Dollar 2017 über 10% zum Euro verloren hat. Denn noch hält sich die EZB zurück, erste Zinsanhebungen werden für 2019 erwartet. Stimmt meine These, so dürfte sich die Lage in den USA zunehmend verschärfen, eine „Flucht“ in den Euro könnte, trotz tieferer Zinsen im Vergleich zu den USA, die Folge sein. An dieser Stelle sei nochmals angemerkt, dass es sich in Europa nicht um eine Euro-Krise handelt, der Euro ist „nur“ ein Kunstname für einen Währungsverbund, sondern um eine Staatsschuldenkrise. Und diese kann nur so lange „im Zaum“ gehalten werden, solange die geforderten Zinsen niedrig bleiben und/oder die EZB Staatsanleihen mit frisch gedrucktem Geld aufkauft.

Bleibt die aus Anlegersicht wichtige Frage: Was tun? Steigende Zinsen treffen uns ans vielen Stellen. Häuslebauer müssen nach Ablauf der Zinsbindung mit höheren Annuitäten rechnen. Hier empfiehlt es sich, verstärkt bereits jetzt Reserven zu bilden und/oder Sondertilgungsmöglichkeiten auszunutzen. Steigende Zinsen sind grundsätzlich gut für das Geschäftsmodell von Banken. Gleichzeitig könnte der Immobilienmarkt kippen, Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen, Zwangsverwertungen und Abschreibungen wären die Folge. Dies hätte direkten Einfluss auf die Bonität von Banken, Tages- und Festgelder könnten im Falle von Schieflagen in die Insolvenzmasse der Banken fallen. Im Falle systemischer Bankenprobleme nützen Einlagensicherungssysteme nicht mehr. Besser sind Wertpapiere, die als Sondervermögen nicht in die Konkursmasse fallen. Sollten Zinsen und Inflation zulegen, wären Anleihen ein schlechtes Geschäft, wenngleich immer noch besser als „Guthaben“ bei Banken. Vermeintlich, historisch spricht Vieles dafür, dürften Aktien, Rohstoffe und Edelmetalle am besten abschneiden. Es geht nur um eine relative Betrachtung, denn inflationsbereinigt, kann/wird auch hier ein Verlust entstehen. Statt Pest und Cholera, vielleicht „nur“ eine schwere Grippe, Genesung wahrscheinlich. Das Schöne: Auch daran werden wir uns gewöhnen…

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